Der fromme Anruf
Eigentlich bin ich tolerant gegenüber Personen, die an Gott glauben. Aber
manche übertreiben echt. Es gibt tatsächlich Leute, die an eine Strafe
Gottes glauben, wenn ihnen etwas zustößt. Über solche Leute kann man
immer gut lachen, aber am Amüsantesten sind diejenigen, die eine Telefonzelle
aufsuchen, um ihren Gott anzurufen. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn sie die
Nummer der SickNess-Redaktion wählen und denken, mit Gott verbunden zu sein.
Das geschah neulich...
Anrufer: Hallo?
S.L.: Ja?
Ist da die 655321?
Genau! Wer...
Dann bist du es... Gott!
Richtig (grins)!
Bitte vergebe mir, Herr! Du weißt, warum!
Wie kommst du Sack dazu, mich zu duzen?!
Oh Herr verzeih m... verzeihen Sie mir!
Schon gut. Worum geht's?
Das wissen Sie doch, da Sie alles sehen und hören, Herr, auch wenn es im
Dunklen geschieht!
Schon klar, aber ich will es aus deinem Munde hören. Als Strafe!
Hm... also... äh, ich habe an Geschlechtsverkehr gedacht. Ich bin aber noch
nicht verheiratet... äh ja.
Du glaubst doch nicht wirklich, daß ich dir so etwas vergebe? Du hast
gesündigt in Gedanken! Das ist genauso scheiße wie in Worten und Werken
zu sündigen.
Ich weiß, Herr.
Soll ich dir was sagen: Du hast daran gedacht, es mit dem Teufel zu treiben!
Das ist nicht wahr!
Du behauptest, daß ich lüge?!
Nein! Ja, ich gebe zu, daß ich auch das gedacht...
Du lügst ja! Du hast doch gar nicht daran gedacht, es mit dem Teufel zu
treiben! Glaubst du, du kannst mich verarschen?!
Äh, nein, natürlich nicht...
Und jetzt willst du Vergebung? Du denkst wohl, du mußt nur mal bei deinem
dummen Gott anrufen, und schon darfst du in den Himmel!
So ist das nicht, Herr (jammer, schluchz)!
Behauptest du wieder, daß ich lüge?
Nein, nein, Herr!
Und hör mal auf, immer 'Herr' zu sagen! Du hörst doch, daß Gott
weiblich ist!
Ja, Göttin. Ich wollte nur sagen, daß ich meine Gedanken wirklich
bereue!
Trotzdem: Strafe muß sein!
Aber bitte, Göttin! Sie haben mich doch schon bestraft! Schon oft! Als ich
als Kind vor den LKW gelaufen bin und als der Kampfhund mich gebissen hat,
wußte ich sofort, daß dies in Ihrem Auftrag geschah!
Das hast du dir auch verdient, wenn du schon so 'ne Scheiße baust!
Ich war aber noch klein, als...
Warum sollte ich nicht auch Kinder bestrafen? Du kennst mich doch!
Ja, Sie haben recht.
Noch 'ne Frage: Als du ans Ficken gedacht hast, hast du dir dabei einen
runtergeholt?
---Häh?
Du weißt genau, was ich meine! Hast du?
Ja (schluchz)!! Ich schäm mich so!
Warum frag ich überhaupt, ich hab's doch selbst geseh'n. Wie gesagt, ich
sehe alles. Du kannst mir nichts verheimlichen!
Mmmm.
Jedenfalls hast du in böser Absicht gehandelt, du bist mir, deinem Gott,
untreu geworden! Da kannst du buckeln und dich auf die Knie schmeißen, wie
du willst. Es bringt nix.
Und was heißt das jetzt für mich?
Daß du in die Hölle kommst, was sonst? Bin ich so schwer zu
versteh'n?
Aber -- nein! Neinneinnein!
Jetzt heul nicht! Das bist du selber schuld. Du hast in schwerster Form gegen
meinen Willen verstoßen. Du gehorchst mir nicht!
Aber ich habe mein ganzes Leben nach der Bibel ausgerichtet! Ich gehorche Ihnen
sehr wohl! Bitte geben Sie mir noch eine Chance!
OK. Ich bin ja schließlich ein Gott der Gnade. Hast du Haustiere?
Sie wissen bereits, daß ich eine Katze habe.
Bekehre Sie! Überzeuge sie, daß sie an mich glauben soll. Ansonsten
kommt sie nicht in den Himmel!
Aber Tiere kommen doch sowieso nicht in den Himmel!
Du widersprichst mir ja schon wieder!!
Das wollte ich nicht!
Und ausgerechnet du willst Gnade von mir! Dein Jammern reicht nicht. Jetzt geh
und missioniere deine Pussi! In 15 Minuten erwarte ich deinen Rückruf.
Bis gleich, Gott!
Ich legte auf und konnte endlich meinem Lachanfall freien Lauf lassen. Innerhalb
von zehn Minuten hatte ich die gesamte SN-Redaktion zusammmengetrommelt. Ich
erzählte ihnen von dem Anrufer und versprach, daß sie sich später
die Aufzeichnung anhören konnten.
Fünf Minuten später rief er wieder an und alle hörten mit.
Ja?
Ich habe versucht, sie zu bekehren, aber ich weiß nicht, ob sie mich auch
verstanden hat.
Aber ich weiß es. Sie glaubt jetzt an mich.
Ich habe mir auch alle Mühe gegeben! Habe ich jetzt wieder Chancen, in den
Himmel zu kommen?
So einfach geht das nicht. Du hast dir ja nur Mühe gegeben, weil du Angst
um dich hattest. Wie egoistisch! Du hast es nicht um meinetwillen getan!
Ja, Herr..rin! Sie haben recht! Ich habe wieder gesündigt!
Du sündigst ein bißchen viel! Langsam zerstörst du mein letztes
bißchen Gnade. Hör mir zu: Deine Möglichkeiten, noch einen Platz
an meiner Seite zu bekommen, sind ganz schön mickrig. Was wirst du dafür
tun?
(Schluchz) Ich weiß es nicht! Sagen Sie es mir! Bitte!
OK, deine letzte Chance, alles wiedergutzumachen, ist folgende: Pack deine
Koffer. Du wirst jetzt in der Psychiatrie leben. Dort wirst du alle Insassen
missionieren. Auch die Ärzte. Vor allem die! Sag ihnen, wann immer du sie
triffst, daß du von Gott gesandt wurdest, um seine Lehren zu verbreiten.
Ja, das ist eine Ehre für mich. Das werde ich tun, auch wenn ich damit nicht
meine Seele retten kann.
Du heuchelst ja schon wieder!
Ja, verzeihen Sie mir (heul). Ich mache mich noch heute auf!
Das will ich dir auch raten!
Danke, Herr. Auf Wiedersehen.
Tschüß!
Nachdem ich aufgelegt hatte, faßte sich die gesamte Redaktion an den Kopf. Ich
glaube, ich habe eine gute Tat getan, denn der Anrufer geht nun dorthin, wo er
auf jeden Fall hingehört. Auch wenn er eigentlich nichts dafür kann, denn
wie viele andere hat er sich seine Religion nicht ausgesucht, sondern sie wurde ihm
schon eingetrichtert, als er noch zu klein war, um alleine zu denken.
S.L.
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