Was ich neulich sah...
ODER: Gespräch mit einer multiplen Persönlichkeit
"O Gehaßte Pein, laß mich dir mitteilen, was ich neulich sah! Ich
sah mich. Ich ging mit garstigem Grinsen in mein Büro, in der Hand ein
gar monströses Beile haltend."
-- "Na wahrscheinlich wolltest du Holz hacken. Du Sklaventreiberin
brauchtest sicher ein neues Kaminfeuer."
"Diese Vermutung verfehlet die Wahrheit um Meilen. Ich erwähnte, ich
zeigte ein garstiges Grinsen. Durch meine enorme Intuition dünkte mir
bald, ich war karrieregeil. Ich plante einen gar unfeinen Mord. Ich ahnte
auch, aus welchem Motive. Ich wollte meinen Titel besitzen."
-- "Schlecht geplant. Eine Axt ist ein viel zu ungenaues Mordinstrument.
Ich hätte dir mehr Können zugetraut!"
"Da mögest du wohl recht haben, denn mein Anschlag traf nicht das
Opfer, welches vorgesehen war."
-- "Wer ward denn zum Opfer?"
"Ich ward zum Opfer."
-- "Du kannst dich nicht von dir unterscheiden?"
"Ich rannte gleich im Zorne in das Büro und hackte blind drauflos.
Ich hackte mir die Hand ab, welche gerade eine Tasse des köstlichsten
Kaffees hielt. Dieser wurde sodann auf dem Boden verschüttet."
-- "Hast du den Kaffee für dich gekocht? Weil du ihn so lobst!"
"Nein, ich kochte ihn für mich."
-- "Was tatest du denn da?"
"Ich tat Geheimnisse kund."
-- "Waaaas! Du bist ein Verräter? Oder bist etwa du der
Verräter? Und schleimtriefend ludst du dich zum Kaffee ein?"
"O Gehaßte Pein, diese Frage ist ein Nebenzweig am Baume der
Geschichte, die ich dir nun erzählen will. O lasse mich
zurückkommen zum Hauptstamme der Erzählung. Meine Hand fiel
herab und beschmutzte den Teppich. Ich weinte bitterlich, als ich sah, wen
ich getroffen hatte."
-- "Warum? Tat es dir leid um dich?"
"Oh, ich verehrte mich, doch da ich nun mein Blut sah, wollte ich mein
böses Werk vollenden."
-- "Tja, du machst eben keine halben Sachen!"
"Genau. Darum hackte ich mir auch noch den Fuß ab, den linken. Ich
schrie gar fürchterlich. Es betäubte bald mein Gehör. Doch
mich schien sie zu erfreuen, meine Qual. Ich lachte nun gar widerlich, und
grinste: 'Ich zerhacke mich!'"
-- "Oh nein, jetzt fängst du auch noch an zu reimen! Diese Pein
ist nicht mehr zu ertragen!"
"Ich jedoch fragte mich: 'Warum tue ich das? Ich dachte, ich liebe mich!'
Als ich das vernahm, wurde ich gar zornig. Ich sprach: 'Das tat ich nie!'
und hackte das Beil in meinen Oberschenkel. Dann weinte ich wieder, denn
das Beil klemmte im Knochen fest, ich bekam es nicht mehr herausgezogen."
-- "Und bei dem Gehacke hast du keine Reaktion gezeigt?"
"Nein, denn ich wollte in meinem Verstecke, im Schranke nicht entdeckt
werden. Ich hatte mich des Morgens im einseitig verspiegelten Schranke
versteckt, da ich wußte, daß ich zu Besuch kommen würde.
Ich wollte einen eventuell stattfindenden Beischlaf nicht verpassen.
Doch zurück zum Gescheh'n: Ich wurde immer verzweifelter; ich
befürchtete den Verlust meines Beiles. Darum zog ich kräftig
daran, gleichzeitig trat ich gegen mein Bein. Meine Pein war so
unerträglich, daß ich voller Qual mein eigenes Haupthaar packte
und es abriß. Dabei riß ich mir die Kopfhaut mit ab. Ich hatte
das Beil nun gerettet. Ich schlug es sodann in meine Brust. Doch ich
verfehlte das Herz, so daß ich immer noch lebte."
-- "Was hast du in der Zeit gemacht? Du bist ja nicht mehr erwähnt
worden."
"Ich trank den ganzen Kaffee alleine aus und war gar belustigt über
das Gescheh'n. Doch nun war meine untere Hälfte von meiner oberen
getrennt. Doch tot war ich noch lange nicht. Aus meinem Munde strömte
Blut. So ließ ich mich und verließ das Büro, lachend gar
fürchterlich. Ich lebte noch 10 Minuten, dann war ich tot und
seufzte nicht mehr.
Ich hoffe, du glaubst mir dies, denn so geschah es."
-- "Ich glaube kein Wort."
"Wenn du mir dies nicht glaubst, bist du verdammt. Denn so, wie ich es
erzählt, ist es wahr und gescheh'n."
Better watch out!
Nory Morse
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